Die Rami-Kaserne – eine osmanische Festung aus der Zeit der Militärreform, die zur größten Bibliothek Istanbuls wurde
Die Rami-Kaserne im Stadtteil Eyüp Sultan am europäischen Ufer Istanbuls ist eines der überraschendsten Denkmäler der Türkei: mehr als zweieinhalb Jahrhunderte Militärgeschichte, ein Brand während der französischen Besatzung, anderthalb Jahrzehnte als Lebensmittelmarkt mit anderthalbtausend Ständen und schließlich die Umwandlung im Jahr 2023 in eine der größten öffentlichen Bibliotheken des Landes. Wenn man zum ersten Mal den 200 mal 200 Meter großen Innenhof betritt, der von acht steinernen Flügeln umgeben ist, begreift man die Dimensionen: 75.000 Quadratmeter Gelände, 33.000 Quadratmeter überdachte Fläche und ein Gebäude, in dem Sultan Mahmud II. fast zwei Jahre lang persönlich lebte und das Reich regierte. Die Ramı-Kaserne ist ein seltener Fall, in dem nüchterne Militärmauern zu einem Ort der Begegnung von Generationen, Sprachen und Epochen werden.
Geschichte und Entstehung der Rami-Kaserne
Der Bau des Komplexes begann unter dem 26. osmanischen Sultan Mustafa III. und dauerte von 1757 bis 1774 – in einer Zeit, in der das Reich versuchte, die Armee nach europäischem Vorbild umzustrukturieren. Der Standort für die Garnison wurde nicht zufällig gewählt: Der abgelegene Vorort Eyüp hieß „Rami Çiftliği“, und hier, am Fuße der Hügel, befand sich ein landwirtschaftlicher Betrieb mit Weiden und Lagerhäusern. Die Truppen, die zu Feldzügen nach Rumelien aufbrachen, nutzten Rami als Stützpunkt für die logistische Versorgung, und die Kasernen waren ursprünglich als Artilleriekasernen (Topçu Kışlası) bekannt.
Ein Wendepunkt war das Jahr 1826, als Mahmud II. den Janitscharen-Aufstand niederschlug und das alte Korps auflöste. Anstelle der früheren Armee wurde eine neue reguläre Armee gebildet – die „Asakir-i Mansure-i Muhammediye“, also die „siegreichen Krieger Mohammeds“. In den Jahren 1828–1829 wurde Rami speziell für die Soldaten dieser Reform grundlegend umgebaut und erweitert. Da die Janitscharenkasernen in Levent durch Artilleriefeuer zerstört worden waren, zog die neue Armee buchstäblich vor die Mauern von Rami. Hier wurde der Öffentlichkeit auch erstmals die neue Militäruniform präsentiert: Fes, Uniformen im europäischen Schnitt und „Kalavra“-Schuhe – Rami wurde zum Schaufenster der vom Sultan initiierten Bekleidungsreform.
Während des Russisch-Türkischen Krieges von 1828–1829 machte Mahmud II. die Kasernen zu seiner Residenz: 617 Tage lang regierte er von hier aus das Land. Selbst nach dem Frieden von Adrianopel am 14. September 1829 blieb der Sultan bis zum 16. Januar 1830 in Rami – um zu jagen, sich zu erholen und Minister zu empfangen. Etwa zwei Jahre lang lebte das Reich „an der Adresse“ der Kasernen. In den Jahren 1836–1837 wurden die Studenten der Militärschule (Mekteb-i Harbiye) in das Gebäude verlegt, und der Komplex wurde fortan „Fünun-i Harbiye-i Mansure“ – „Wissenschaften der siegreichen Armee“ – genannt. Später, während des Krimkrieges von 1853–1856, befand sich hier das Hauptquartier von Sultan Abdülmecid I., und unter Abdülhamid II. (1876–1909) erhielten die Kasernen ihr endgültiges architektonisches Erscheinungsbild.
Architektur und Sehenswürdigkeiten
Von der Form her ist die Ram-Kaserne ein riesiges, geschlossenes Rechteck aus Mauerwerk, das um einen 200 mal 200 Meter großen Exerzierplatz herum errichtet wurde. Der Komplex besteht aus acht Flügeln und fünf Blöcken, und die gesamte Nutzfläche des Geländes beträgt 220.000 Quadratmeter. Es handelt sich weder um einen Palast noch um eine Festung, sondern um funktionale Architektur einer klassischen osmanischen Militärschule des 18. und 19. Jahrhunderts: lange Bogengänge, Reihen identischer Fensteröffnungen, dicke tragende Mauern und Innenhöfe für Truppenparaden.
Innenhof und Mauerwerk
Der 200 mal 200 Meter große Hauptinnenhof ist das Herzstück des Komplexes. Nach der Restaurierung wurden das Pflaster und die Proportionen wieder in ihren historischen Zustand versetzt: Wenn der Besucher durch eines der Tore eintritt, eröffnet sich ihm eine fast endlose Perspektive der Arkaden. Das Mauerwerk – das wichtigste Baumaterial – wurde im Laufe von zweieinhalb Jahrhunderten mehrfach renoviert, und heute finden sich in den Mauern Schichten aus verschiedenen Epochen: Fragmente aus der Zeit Mustafas III., Rekonstruktionen aus der Zeit Mahmud II. und die feine Arbeit der Restauratoren der 2010er Jahre. Besonders eindrucksvoll wirkt der Innenhof bei Sonnenuntergang, wenn das warme Licht auf den grauen Istanbuler Kalkstein fällt.
Eine Moschee und ein Minarett mit tragischer Geschichte
Auf dem Gelände der Kaserne gab es von Anfang an eine Moschee. Im Jahr 1835 erhielt sie eine hölzerne Kuppel, ein Jahr später einen steinernen Minarett. Während der Besetzung Istanbuls durch die Alliierten nach dem Waffenstillstand von Mudros wurde die Moschee als Pulvermagazin genutzt: Am 28. Juni 1919 brach hier ein Feuer aus. Das Moscheegebäude brannte vollständig nieder, das benachbarte Hamam wurde teilweise beschädigt, und von dem muslimischen Komplex blieb nur der Minarett erhalten. Diese einsame Steinspitze ist bis heute ein stummer Zeuge der Besatzung und eines der markantesten Elemente des Panoramas von Rami.
Acht Flügel und fünf Blöcke
Der Grundriss besteht aus einer Reihe langer, kasernenartiger Gebäude. Acht Flügel gehen symmetrisch auseinander, und fünf Blöcke bestimmen den Rhythmus der Fassaden. Nach der Umwandlung in die Bibliothek von Rami im Jahr 2023 beherbergen diese Säle Lesesäle, Kinderabteilungen, Bereiche für Sammler, Ausstellungsräume und das Stadtmuseum. Der geplante Buchbestand umfasst etwa sieben Millionen gedruckte und digitale Einheiten, was die Rami zu einer der größten Bibliotheken des Landes macht. Neben den Büchern gibt es hier etwa 120 gewerbliche Einrichtungen: Buchhandlungen, Souvenirläden, Banken, Cafés, Restaurants und Kinos. Eine separate Ebene ist für einen Parkplatz mit 1200 Stellplätzen vorgesehen.
Restaurierung und Rückkehr in die Stadt
Die Entscheidung, den halbverfallenen und unglücklich umgebauten Komplex zu restaurieren, traf 2010 die städtische Behörde für Stadtplanung und Denkmalschutz. Die Ausschreibung erfolgte am 4. August 2014, die Restaurierung dauerte etwa zehn Jahre. Die Kosten für die Arbeiten beliefen sich auf 200 Millionen türkische Lira (zum Zeitpunkt der Umrechnung etwa 43,3 Millionen Dollar). Die Restauratoren gaben dem Gebäude sein historisches und kulturelles Erscheinungsbild zurück, indem sie verlorene Elemente anhand von Archivzeichnungen wiederherstellten. Seit dem 13. Januar 2023 ist Rami Kyslasy als Rami Kütüphanesi – Rami-Bibliothek unter der Schirmherrschaft des Ministeriums für Kultur und Tourismus geöffnet.
Etagenlogik und Materialien
Betrachtet man die Fassaden, lässt sich die gesamte Geschichte des Gebäudes ablesen: Die unteren Stockwerke sind massiver, die Fenster kleiner, das Mauerwerk dichter – dies entspricht der typischen Verteidigungslogik einer Garnison des 18. Jahrhunderts. Die oberen Stockwerke sind luftiger, mit breiteren Bogenöffnungen: Sie wurden unter Mahmud II. umgebaut, als das Gebäude zum „Hauptquartier des Reiches“ wurde. An einigen Stellen haben die Restauratoren bewusst kleine Abschnitte des alten Mauerwerks offen gelassen – eine Art „Fenster zur Geschichte“, durch die man erkennen kann, wie sich die Bautechniken im Laufe von zweieinhalb Jahrhunderten verändert haben. Im Inneren sind Treppen, Geländer und Holztüren in einer ruhigen Farbpalette gehalten – ohne Vergoldungen, im Rhythmus einer schlichten militärischen Ästhetik, die dem Raum eine besondere Ernsthaftigkeit verleiht, die an die russischen Suworow-Kasernen des 19. Jahrhunderts erinnert.
Interessante Fakten und Legenden
- Mahmud II. verbrachte etwa zwei Jahre in den Rami-Kasernen: 617 Tage Krieg und noch einige Monate Erholung nach dem Frieden von Adrianopel. Im Grunde wurde das Reich während dieser ganzen Zeit von einer einzigen Garnison am Rande Istanbuls aus regiert.
- Als die Offiziere der neuen Armee zum ersten Mal in Fes-Kappen und Uniformen europäischen Schnitts auf den Exerzierplatz traten, versammelten sich eigens Scharen von Schaulustigen vor den Toren, um die „reformierte“ Kleidung zu bewundern – Rami wurde zum modischen Laufsteg der Soldatenreform Mahmud II.
- Während der Besatzungszeit von 1918 bis 1923 wurden in den Kasernen algerische Schützen untergebracht, die von den Franzosen hergebracht worden waren. Der Überlieferung zufolge gelang es den Kämpfern der türkischen Nationalen Verteidigungsgruppe (Millî Müdafaa), den Großteil der Waffen und Munition buchstäblich unter den Augen der Franzosen heimlich nach Anatolien zu schmuggeln.
- Von 1986 bis Anfang der 2020er Jahre befand sich innerhalb der Kasernenmauern der riesige Großmarkt „Rami Kuru Gıda Çarşısı“ mit rund 1500 Lebensmittelgeschäften. Dorthin zogen Händler um, die zuvor den Verkehr an den Ufern des Goldenen Horns in Eminönü und Ünkapany behinderten. Viele Istanbuler bezeichnen das Gebäude bis heute als „alten Lebensmittelmarkt“.
- Am 6. Oktober 1923, dem Tag der Befreiung Istanbuls durch die türkische Armee, war Rami eines der ersten Objekte, die von den Franzosen an die Republik übergeben wurden – ein symbolischer Moment, der heute jährlich als Tag der Befreiung der Stadt gefeiert wird.
Anfahrt
Die Rami-Kasernen befinden sich im Stadtteil Eyüp Sultan, am europäischen Ufer Istanbuls, nordwestlich des historischen Zentrums. Am einfachsten orientiert man sich am Stadtteil Rami und der Straße, die vom Topçular-Platz ausgeht. Koordinaten: 41.0492° N, 28.9156° O. Das bequemste öffentliche Verkehrsmittel sind die Stadtbusse, die von Eminönü, Taksim, Mecidiyeköy und Eyüp abfahren: Die Haltestellen „Topçular“ und „Rami Kışlası“ sind zu Fuß erreichbar. Der Metrobus der Linie M1 fährt an der Haltestelle „Topkapı“ vorbei, von wo aus man mit dem Bus oder der Straßenbahn in 10–15 Minuten dorthin gelangt.
Vom Flughafen Istanbul (IST) fährt man mit der U-Bahn M11 bis zum Umsteigen auf die M7 und weiter mit dem Bus – die Gesamtfahrzeit beträgt etwa 1 Stunde 15 Minuten. Vom Flughafen Sabiha Gökçen (SAW) ist es bequemer, den Havabus-Transfer nach Taksim zu nutzen und von dort aus mit dem Bus weiterzufahren. Vom historischen Platz Sultanahmet nach Rami sind es etwa 8 Kilometer: mit dem Taxi 20–30 Minuten, je nach Verkehrslage, mit öffentlichen Verkehrsmitteln etwa 45 Minuten. Auf dem Gelände des Komplexes gibt es einen großen Parkplatz, was die Anreise mit dem Auto sehr bequem macht.
Tipps für Reisende
Die beste Reisezeit ist der Frühling (April–Mai) und der Herbst (September–Oktober): In diesen Jahreszeiten ist es nicht heiß, und ein Spaziergang durch den riesigen Innenhof wird zu einem wahren Vergnügen. Im Winter weht der Wind vom Goldenen Horn durch die steinernen Arkaden, daher sollte man sich warm anziehen. Im Sommer hingegen herrscht unter den Arkaden stets schattige Kühle, die vor der Istanbuler Hitze schützt. Planen Sie für die Besichtigung mindestens 1,5–2 Stunden ein – das reicht aus, um den Innenhof zu durchqueren, einige Flügel der Bibliothek zu besichtigen und zur Aussichtsplattform beim Minarett hinaufzusteigen.
Im Inneren des Gebäudes gibt es einen frei zugänglichen Lesesaal, sodass man mit dem Laptop vorbeikommen, mit einem Buch sitzen oder sich einfach nach einem Spaziergang durch Eyüp ausruhen kann. Für Reisende mit Kindern gibt es einen separaten Kinderbereich mit Spielen und Aktivitäten, und Sammler sollten einen Blick in die Spezialabteilung für seltene Ausgaben werfen. Die Cafés und kleinen Restaurants in den Geschäftsräumen eignen sich gut für eine Pause – die Preise sind moderat, die Küche überwiegend türkisch. WLAN ist kostenlos, der Zugang zu den meisten Bereichen ist frei.
Ein praktischer Hinweis: Der Eintritt in die Bibliothek ist kostenlos, aber es empfiehlt sich, den Reisepass dabei zu haben – manchmal wird er an der Leseregistratur verlangt. Das Fotografieren in den allgemeinen Sälen ist ohne Blitz erlaubt, im Kinderbereich sollte man aus Rücksichtnahme besser keine Personen fotografieren. Auf dem Gelände gelten einige Ruhevorschriften, insbesondere im Hauptlesesaal, daher sind laute Telefongespräche hier nicht erwünscht. Wenn Sie mit einer russischsprachigen Gruppe unterwegs sind, empfiehlt es sich, eine Offline-Karte der Gegend herunterzuladen: Die Wegweiser im Komplex sind größtenteils auf Türkisch und Englisch, und die Orientierung in den acht Flügeln kann ohne Plan verwirrend sein.
Eine gute Idee ist es, den Besuch mit anderen Sehenswürdigkeiten des Stadtteils Eyüp Sultan zu verbinden: der Eyüp-Sultan-Moschee, der Standseilbahn auf den Pierre-Loti-Hügel und dem Panorama des Goldenen Horns. Von Rami aus sind diese Ziele in 25–30 Minuten zu Fuß oder mit dem Bus zu erreichen. Vor dem Besuch lohnt es sich jedoch, die aktuellen Öffnungszeiten und das Veranstaltungsprogramm auf der offiziellen Website von Rami Kütüpahane zu überprüfen, da einige Säle zeitweise für Ausstellungen und Veranstaltungen geschlossen sind. Die Rami-Kasernen sind eine seltene Sehenswürdigkeit, bei der man an einem einzigen Tag sowohl die Reform der osmanischen Armee als auch die Spuren der europäischen Besatzung und ein modernes Kulturzentrum erleben kann; genau deshalb verdienen die Rami-Kasernen einen Platz in jeder ungewöhnlichen Istanbul-Route.